Wie viel will ich eigentlich arbeiten?
Warum ich als Selbstständige gerade ausprobiere, nur noch bis 14 Uhr zu arbeiten
Der Schuster trägt bekanntlich die schiefsten Hacken.
Bei mir sind sie gerade ziemlich schief. Denn ausgerechnet meine Arbeitszeit als Selbstständige ist gerade zu meinem eigenen Experiment geworden.
Im Naturalkids® Club beschäftigen wir uns aktuell mit dem Spezialthema „Alles unter einen Hut“. Es geht darum, wie wir unsere Arbeit organisieren, Prioritäten setzen und all die Dinge miteinander vereinbaren, die zum Leben einer selbstständigen Reitpädagogin gehören.
Kunden. Pferde. Familie. Büro. Marketing. Buchhaltung. Planung. Und irgendwo dazwischen möchte man selbst schließlich auch noch vorkommen.
Während ich mich mit diesem Thema für meine Teilnehmerinnen beschäftigt habe, musste ich irgendwann ziemlich unangenehm auf meine eigene Arbeitsweise schauen.
Denn ich habe in den vergangenen Wochen ein Muster bei mir beobachtet.
Ich kann richtig viel arbeiten
Wenn ich einen guten Tag habe und weiß, was zu tun ist, kann ich unglaublich produktiv sein.
Dann arbeite ich.
Und arbeite.
Und arbeite.
Ich erledige an einem Tag Dinge, für die ich sonst mehrere Tage brauchen würde. Und weil es gerade so gut läuft, hänge ich noch eine Aufgabe dran.
Die schaffe ich auch noch.
Und die nächste vielleicht ebenfalls.
Das fühlt sich erst einmal großartig an.
Ich war produktiv. Ich habe etwas geschafft. Ich bin vorangekommen.
Das Problem zeigt sich meistens erst danach.
Zwei oder drei Tage Vollgas – und dann ist die Woche gelaufen
Genau das habe ich bei mir inzwischen mehrfach beobachtet.
Ich arbeite zwei oder drei Tage in einer Woche richtig hart.
Und danach bin ich erledigt.
Dann sitze ich da, sehe durchaus, was noch alles zu tun wäre, und bekomme kaum noch etwas Vernünftiges zustande.
Irgendwann habe ich mich gefragt:
Ist das eigentlich produktiv?
Wenn ich meine Produktivität nur an diesen zwei oder drei Tagen messe, wahrscheinlich schon.
Wenn ich die gesamte Woche betrachte, sieht die Rechnung plötzlich anders aus.
Denn was bringt es meinem Unternehmen, wenn ich an zwei Tagen unglaublich viel schaffe und dafür an den folgenden Tagen kaum noch produktiv bin?
Was wäre, wenn fünf verlässlich gute Arbeitstage am Ende mehr bewirken als zwei oder drei extrem produktive?
Diese Frage möchte ich ausprobieren.
Mein Experiment: Als Selbstständige nur noch bis 14 Uhr arbeiten
Ich habe mir deshalb eine Regel gesetzt, die mir erstaunlich schwerfällt:
Ich arbeite nur noch bis maximal 14 Uhr.
Am Morgen entscheide ich, welche Aufgaben an diesem Tag wirklich wichtig sind.
Dann arbeite ich diese Aufgaben konzentriert ab.
Was bis 14 Uhr geschafft ist, ist geschafft.
Was übrig bleibt, wartet.
Jetzt werden einige meiner Teilnehmerinnen vermutlich schon beim Lesen gedacht haben:
„Marina, schön und gut. Aber wann gibst du denn dann deine Kurse?“
Denn natürlich finden meine reitpädagogischen Angebote überwiegend nachmittags statt.
Auch dafür habe ich eine Regel: Zu meiner Arbeitszeit als Selbstständige gehört natürlich auch die Zeit auf dem Reitplatz.
Wenn ich beispielsweise von 15 bis 18 Uhr Kurse gebe, sind das drei Stunden Arbeit. Diese drei Stunden ziehe ich von meiner Arbeitszeit am Vormittag ab.
An solchen Tagen starte ich morgens entsprechend später oder beende meine Büroarbeit früher. Dann kann es durchaus sein, dass ich schon um 11 Uhr den Rechner zuklappe und bis zum ersten Kurs Zeit für mich habe.
Mir geht es also gar nicht darum, jeden Tag um Punkt 14 Uhr den Stift fallen zu lassen.
Ich möchte aufhören, Büroarbeit, Kurse und all die anderen Aufgaben meiner Selbstständigkeit einfach aufeinanderzustapeln.
Ein dreistündiger Nachmittag auf dem Reitplatz ist kein Anhängsel an meinen eigentlichen Arbeitstag. Er ist Teil meines Arbeitstages.
Und hier habe ich einen ziemlich großen Vorteil: Für die Vor- und Nachbereitung eines Kurses brauche ich inzwischen nur ungefähr zehn Minuten.
Wie das geht?
Genau darum geht es in meinem Webinar „Vom Förderbedarf zum Stundenbild“.
Wenn du wissen möchtest, wie du deine reitpädagogischen Stunden fundiert planen kannst, ohne jedes Mal ewig über der Vorbereitung zu sitzen, dann komm gern dazu. 😉
Warum das in der Selbstständigkeit gar nicht so einfach ist
Das klingt banal. Für mich ist es das überhaupt nicht.
Denn als Selbstständige gibt es eigentlich immer etwas zu tun. Während ich an einer Aufgabe sitze, kommen neue E-Mails, neue Fragen und neue Ideen herein. Irgendwo fällt mir etwas ein, das ich längst erledigen wollte. Und manches davon fühlt sich plötzlich viel dringender an als das, was ich mir morgens vorgenommen hatte.
Genau deshalb gehört zu meinem Experiment noch eine zweite Regel:
Neu bedeutet nicht automatisch wichtig. Und dringend bedeutet nicht automatisch, dass ich mich sofort darum kümmern muss.
Fokus bedeutet auch, Dinge liegenzulassen
Das ist vielleicht die Erkenntnis, mit der ich mich gerade am meisten beschäftige.
Ich dachte lange, Fokus bedeute vor allem, konzentriert an einer Sache arbeiten zu können.
Inzwischen glaube ich, dass noch etwas anderes dazugehört:
Fokus bedeutet, bewusst zu entscheiden, womit ich mich heute nicht beschäftige.
Gerade in der Selbstständigkeit konkurrieren ständig Aufgaben miteinander.
Kunden brauchen etwas. Das Büro braucht etwas. Die Pferde brauchen etwas. Das Marketing braucht Aufmerksamkeit. Die Buchhaltung wartet. Ein Produkt könnte verbessert werden. Die Website müsste längst überarbeitet werden.
Alles davon kann berechtigt sein.
Trotzdem kann ich nicht alles gleichzeitig erledigen.
Wenn jede neu auftauchende Aufgabe meinen Tagesplan verändern darf, habe ich zwar einen Plan – tatsächlich arbeite ich aber nach dem, was gerade am lautesten nach meiner Aufmerksamkeit ruft.
Genau das möchte ich ändern.
Arbeitszeit als Selbstständige: Wie viele Stunden sind sinnvoll?
Diese Frage finde ich inzwischen ausgesprochen spannend.
Beim Zeitmanagement geht es sehr häufig darum, wie wir mehr schaffen können.
Wie plane ich meinen Tag besser?
Wie bekomme ich meine Aufgaben unter?
Wie kann ich effizienter arbeiten?
Wie schaffe ich noch dieses und jenes?
Ich möchte die Frage gerade andersherum stellen:
Wie viel will ich überhaupt arbeiten?
Denn als Selbstständige könnte ich immer arbeiten.
Mein Unternehmen ist niemals fertig.
Es gibt immer noch eine E-Mail.
Noch einen Blogartikel.
Noch eine Idee.
Noch etwas im Büro.
Noch eine Verbesserung an einem Produkt.
Noch jemanden, dem ich antworten könnte.
Wenn mein Feierabend erst dann beginnt, wenn alles erledigt ist, werde ich vermutlich niemals Feierabend haben.
Also drehe ich die Logik meiner Arbeitszeit als Selbstständige gerade um.
Die Menge der vorhandenen Arbeit bestimmt nicht mehr automatisch die Länge meines Arbeitstages. Ich entscheide vorher, wie viel Zeit meine Arbeit bekommt.
Und innerhalb dieser Zeit muss ich entscheiden, was wirklich wichtig ist.
Und was ist mit dem Abend?
Auch dafür habe ich eine Regel.
Wenn ich abends Lust habe, etwas zu machen, darf ich das.
Vielleicht möchte ich schreiben. Etwas entwickeln. An einer Idee tüfteln. Mich mit einem Projekt beschäftigen, auf das ich gerade richtig Lust habe.
Dann mache ich es.
Meine entscheidende Frage lautet:
Möchte ich das gerade machen – oder habe ich das Gefühl, dass ich es noch machen muss?
Sobald es sich nach Pflicht und Druck anfühlt, gehört es auf den nächsten Arbeitstag.
Damit versuche ich gerade, einen Unterschied wiederzuentdecken, der mir in der Selbstständigkeit manchmal verloren gegangen ist:
Es gibt Dinge, mit denen ich mich beschäftige, weil ich gerade richtig Lust darauf habe.
Und es gibt Arbeit.
Beides darf stattfinden. Aber mein Abend soll nicht einfach zur Verlängerung meines Arbeitstages werden.
Vielleicht muss ich an meinen guten Tagen früher aufhören, damit ich mehr gute Tage habe
Das ist im Moment meine Arbeitshypothese.
Und ich weiß noch nicht, ob sie stimmt.
Vielleicht stelle ich in vier Wochen fest, dass dieses Experiment für mich überhaupt nicht funktioniert.
Vielleicht stelle ich aber auch fest, dass ich mit fünf kürzeren, konzentrierten Arbeitstagen deutlich mehr erreiche als mit zwei oder drei Tagen Vollgas und dem anschließenden Einbruch.
Deshalb möchte ich in den nächsten Wochen nicht nur darauf schauen, wie viele Stunden ich gearbeitet habe.
Ich möchte beobachten:
Wie viele meiner wirklich wichtigen Aufgaben habe ich erledigt?
Wie viele produktive Tage hatte ich in einer Woche?
Wie häufig war ich am Ende eines Arbeitstages völlig erledigt?
Wie schwer fällt es mir, um 14 Uhr tatsächlich aufzuhören?
Und vielleicht verändert sich dabei sogar meine Vorstellung davon, was ein produktiver Arbeitstag überhaupt ist.
Denn die entscheidende Kennzahl ist am Ende möglicherweise gar nicht:
Wie viele Stunden habe ich heute gearbeitet?
Vielleicht lautet die bessere Frage:
Was habe ich mit den Stunden bewegt, die ich meinem Unternehmen gegeben habe?
Was „Alles unter einen Hut“ plötzlich für mich selbst bedeutet
Irgendwie finde ich es ziemlich passend, dass ausgerechnet unser Spezialthema „Alles unter einen Hut“ mich dazu gebracht hat, meine eigene Arbeitsweise noch einmal grundsätzlich infrage zu stellen.
Während meine Teilnehmerinnen gerade ihre Zeit, Aufgaben und Prioritäten neu sortieren, mache ich also einfach mit.
Der Schuster und seine schiefen Hacken eben.
Denn vielleicht bedeutet „alles unter einen Hut bekommen“ gar nicht, immer noch mehr darunter zu quetschen.
Vielleicht besteht die eigentliche Kunst darin, bewusst zu entscheiden, was überhaupt daruntergehört.
Und wie viel Platz die Arbeit im eigenen Leben bekommen soll.
In ein paar Wochen werde ich berichten, wie mein Experiment ausgegangen ist.
Kurz zusammengefasst: Mein Arbeitszeit-Experiment
Für die nächsten Wochen gelten für mich vier Regeln:
- Meine Pflicht-Arbeitszeit endet spätestens um 14 Uhr.
- Ich lege morgens fest, welche Aufgaben wirklich wichtig sind.
- Neue Aufgaben bekommen nicht automatisch Vorrang.
- Abends arbeite ich nur an Dingen, auf die ich wirklich Lust habe.
Meine Hypothese: Wenn ich an meinen guten Tagen früher aufhöre, habe ich über die gesamte Woche mehr gute und produktive Tage.