90 Menschen hatten sich für mein Webinar „Vom Förderbedarf zum Stundenbild“ angemeldet und wir haben uns gemeinsam mit einer Frage beschäftigt, die mich in der Reitpädagogik schon sehr lange begleitet:
Wie komme ich eigentlich von dem, was ich bei einem Kind beobachte, zu einer Reitstunde, die dieses Kind wirklich in seiner Entwicklung unterstützt?
Denn genau darum geht es für mich bei professioneller Reitpädagogik und Förderung: zu wissen, was ein Kind gerade braucht und daraus gezielt die nächste pädagogische Handlung abzuleiten.
Ich habe festgestellt: an Ideen mangelt es uns Reitpädagoginnen meistens nicht.
Wir haben Bälle, Tücher, Ringe, Stangen, Geschichten, Spiele und natürlich unsere Pferde.
Wir können Piraten spielen, einen Schatz suchen, durch einen Zauberwald reiten oder einen Geschicklichkeitsparcours aufbauen.
Und all das kann eine wunderschöne Reitstunde ergeben.
Aber ist es deshalb automatisch auch Förderung?
„Wir fördern heute das Gleichgewicht.“
Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel aus dem gestrigen Webinar.
Ein Kind soll sich auf ein Bein stellen.
Es hebt einen Fuß an, steht ungefähr ein bis zwei Sekunden auf einem Bein, rudert dabei deutlich mit den Armen und setzt anschließend den Fuß wieder ab.
Was hast du gerade gesehen?
Vielleicht denkst du:
„Das Kind hat ein schlechtes Gleichgewicht.“
Aber genau genommen hast du das gar nicht gesehen.
Du hast gesehen:
Das Kind steht ein bis zwei Sekunden auf einem Bein, macht dabei deutliche Ausgleichsbewegungen mit den Armen und setzt anschließend den Fuß wieder auf.
„Schlechtes Gleichgewicht“ ist bereits unsere Interpretation.
Und genau hier beginnt für mich professionelle Reitpädagogik.
Was ich unter Reitpädagogik verstehe und wie sie sich von klassischem Reitunterricht und Reittherapie unterscheidet, habe ich in meinem ausführlichen Grundlagenartikel zur Reitpädagogik beschrieben.
Beobachten ist etwas anderes als bewerten
Wenn ich ein Kind gezielt fördern möchte, muss ich zunächst verstehen, was ich tatsächlich beobachte.
Erst danach kann ich mich fragen:
Welche Entwicklung steckt dahinter?
Welche Kompetenz zeigt sich hier?
Wo steht das Kind innerhalb dieser Entwicklung?
Was kann es bereits?
Und welcher nächste Entwicklungsschritt wäre für dieses Kind sinnvoll?
Bei unserem Beispiel geht es genauer betrachtet um die Fähigkeit, den eigenen Körper zu stabilisieren, wenn sich die Unterstützungsfläche verändert bzw. verkleinert.
Und plötzlich wird aus:
„Das Kind hat ein bisschen Probleme mit dem Gleichgewicht.“
eine viel präzisere pädagogische Fragestellung.
Ein Kind kann etwas nicht einfach nur „können“ oder „nicht können“
Genau das ist einer der Punkte, die mir bei der Entwicklung des Naturalkids® Development Systems besonders wichtig waren.
Entwicklung ist kein Ankreuztest:
☐ kann Einbeinstand
☐ kann Einbeinstand nicht
Vielleicht braucht ein Kind beim Einbeinstand noch kontinuierliche Unterstützung.
Vielleicht schafft es bereits ein bis zwei Sekunden und macht dabei starke Ausgleichsbewegungen.
Vielleicht gelingt der Einbeinstand schon kurz selbstständig, ist aber noch wackelig.
Das sind unterschiedliche Entwicklungsstände innerhalb derselben Kompetenz.
Und wenn ich weiß, wo ein Kind gerade steht, kann ich endlich die viel spannendere Frage stellen:
Was wäre jetzt der nächste sinnvolle Entwicklungsschritt?
Genau da liegt das Entwicklungsfenster
Unser Kind muss vielleicht noch gar nicht auf einem Wackelkissen stehen, dabei einen Ball fangen und gleichzeitig das Alphabet rückwärts aufsagen. 😉
Vielleicht besteht der nächste Schritt schlicht darin, den Einbeinstand auf festem Untergrund für einen kurzen Moment selbstständig stabilisieren zu können.
Das klingt zunächst unspektakulär.
Pädagogisch ist es aber entscheidend.
Denn jetzt weiß ich, was ich eigentlich fördern möchte.
Und erst jetzt stellt sich für mich die Frage:
Wie kann ich daraus eine schöne reitpädagogische Situation machen?
Und jetzt dürfen wir kreativ werden
Vielleicht wird das Kind zum Piraten und muss eine bestimmte Position einnehmen, während es nach der Schatzinsel Ausschau hält.
Vielleicht besucht es eine Zauberschule und für einen Zauberspruch braucht es eine ganz bestimmte Zauberpose.
Vielleicht wird es zum Detektiv und stellt eine geheimnisvolle Körperhaltung nach, die es auf einer Spur entdeckt hat.
Drei völlig unterschiedliche Geschichten.
Der pädagogische Kern bleibt derselbe:
Das Kind übt, seinen Körper bei veränderter Unterstützungsfläche für einen kurzen Moment selbstständig zu stabilisieren.
Und genau das ist für mich der Unterschied zwischen einer netten Beschäftigung und professionell geplanter Reitpädagogik.
Das Kind muss davon übrigens überhaupt nichts wissen.
Das Kind darf spielen.
Es darf ausprobieren.
Es darf lachen.
Es darf gemeinsam mit dem Pferd ein Abenteuer erleben.
Aber du als Reitpädagogin weißt im Hintergrund ganz genau, warum du diese Aufgabe gewählt hast.
Reitpädagogik-Förderung: Vom Bauchgefühl zur professionellen Entscheidung
Viele Reitpädagoginnen arbeiten unglaublich intuitiv.
Und Intuition ist etwas Wertvolles.
Gerade wenn du schon lange mit Kindern und Pferden arbeitest, entwickelst du ein sehr gutes Gespür dafür, was ein Kind gerade braucht.
Aber irgendwann kommt häufig der Wunsch, dieses Bauchgefühl fachlich greifen zu können.
Nicht mehr nur:
„Ich glaube, das wäre jetzt eine gute Übung.“
Vielmehr:
„Ich weiß, was ich beobachtet habe. Ich kann es entwicklungsbezogen einordnen. Ich kenne den nächsten sinnvollen Entwicklungsschritt und deshalb habe ich genau diese Aufgabe gewählt.“
Diese Sicherheit wünsche ich mir für professionelle Reitpädagogik-Förderung, denn Reitpädagogik ist so viel mehr als Kinder auf Ponys zu setzen und ihnen dabei lustige Aufgaben zu geben.
Genau darüber haben wir gestern gesprochen
Im Webinar „Vom Förderbedarf zum Stundenbild“ sind wir diesen Weg gemeinsam Schritt für Schritt gegangen:
Beobachten → Entwicklung erkennen → Entwicklungsstand bestimmen → Entwicklungsfenster erkennen → Förderziel bestimmen → Förderung ableiten → kreativ umsetzen.
Und ich habe euch gezeigt, wie das Naturalkids® Development System dabei helfen kann, aus einer zunächst ganz alltäglichen Beobachtung eine fachlich begründete Förderplanung zu entwickeln.
Das Feedback im Live-Webinar hat mir noch einmal gezeigt, wie groß der Wunsch nach genau diesem roten Faden ist.
Denn häufig fehlen uns gar nicht die Ideen.
Uns fehlt die Verbindung zwischen Beobachtung, Entwicklung und dem, was wir anschließend in unserer Reitstunde tun.
Genau diese Verbindung möchte ich mit Naturalkids® schaffen.
Du hast das Webinar verpasst?
Dann habe ich eine gute Nachricht. 😊
Ich habe das Webinar aufgezeichnet.
Wenn du „Vom Förderbedarf zum Stundenbild“ verpasst hast und dir die Aufzeichnung anschauen möchtest, schreibe mir jetzt eine E-Mail. Denn die Aufzeichnung wird nicht lange online bleiben.
Dann schicke ich dir den Zugang zur Aufzeichnung.
Denn vielleicht schaust du danach bei deiner nächsten Reitstunde ein kleines bisschen anders hin.
Nicht nur:
„Was könnte ich heute Schönes mit den Kindern machen?“
Vielleicht fragst du dich vorher:
„Wo steht dieses Kind gerade – und welcher nächste Entwicklungsschritt wäre für genau dieses Kind sinnvoll?“
Und aus dieser einen Frage können plötzlich ganz andere Stundenbilder entstehen.
Alles liebe an dich
Marina