Als Kind haben wir Geheimsprachen erfunden. Ichhichlefich heissheisslefeiss ehelefe mahalefa rihilefi nahalefa.
Wir haben uns verstanden. Perfekt. Und wer nicht eingeweiht war, stand davor wie vor einer Wand.
Ich bin jemand, der Welten im Kopf baut. Ich schreibe — Fachbücher, Kurzgeschichten, Blogbeiträge wie diesen hier, Ideen, die nirgendwo hinpassen außer in handgemachte Journalseiten. Ich träume von einer Kinderbuchserie, weil ich als Kind etwas vermisst habe, das es nicht gab. Ich kenne das Gefühl, etwas erschaffen zu wollen, das von innen eine eigene Logik hat — und ich kenne das andere Gefühl, wenn man ein Loch darin entdeckt und Seiten rausreißt, weil es sonst nicht stimmt.
Ich habe mich intensiv damit beschäftigt, wie Menschen innere Welten konstruieren — als Teil einer psychotherapeutischen Ausbildung und weit darüber hinaus. Ich beschäftige mich damit, wie Menschen innere Welten konstruieren. Wie Systeme entstehen, die für den Erschaffer vollkommen klar sind — und für andere kaum rekonstruierbar.
Als ich das Voynich-Manuskript das erste Mal wirklich angeschaut habe, hatte ich kein Rätsel vor mir.
Ich hatte eine Arbeitsweise vor mir.
Meine eigene.
Die falsche Frage
Seit Jahrhunderten versuchen Menschen, das Voynich-Manuskript zu entschlüsseln. Sie suchen nach einer Sprache.
Nach einem Code.
Nach einem Schlüssel.
Nach einer Lösung.
Und vielleicht liegt genau da das Problem.
Die Frage lautet meistens: Was bedeutet dieser Text?
Ich glaube, die nützlichere Frage lautet: Wie müsste ein Mensch denken, um so etwas überhaupt zu erschaffen?
Das klingt vielleicht nach einem kleinen Unterschied. Ist es aber nicht. Denn die erste Frage setzt voraus, dass das Buch von außen verstanden werden soll. Die zweite lässt offen, ob das jemals die Absicht war.
Diese Pflanzen sind keine Pflanzen
Was mich von Anfang an irritiert hat, waren die Illustrationen.
Denn wenn man sich diese Zeichnungen anschaut, wirken sie zwar auf den ersten Blick wie botanische Illustrationen — aber eben nicht wie Pflanzen, die es in unserer realen Welt tatsächlich gibt. Sie wirken zusammengesetzt. Als hätte jemand echte Formen, echte botanische Logik und echte Bildsprache genommen, daraus aber etwas Neues gebaut.
In einer Fantasybuchserie, in einem Rollenspiel, in einer selbst gebauten Welt gibt es ständig solche Dinge. Pflanzen, Gegenstände, Kräfte, Systeme, die in der Realität nicht existieren — und trotzdem in sich vollkommen logisch sind. Nicht, weil sie real sind, sondern weil sie innerhalb ihrer eigenen Welt plausibel sind.
Das hat für mich alles verschoben.
Denn wenn diese Pflanzen nie für unsere Realität gedacht waren, dann muss das Buch vielleicht auch gar nicht für unsere Realität gedacht gewesen sein. Dann reden wir nicht mehr automatisch über ein Kräuterbuch. Nicht automatisch über Medizin oder Alchemie. Sondern vielleicht über ein in sich geschlossenes Denksystem mit eigenen Regeln, eigener Logik, eigener Sprache.
Es klingt wie eine Sprache — weil es eine ist
Und dann ist da noch diese Sache mit dem Klang.
Wenn man die Wörter des Voynich-Manuskripts laut liest — daiin, chol, shedy, qokeedy — klingt es wie eine fremde Sprache. Es hat Rhythmus. Es hat Silbenmuster. Es hat diese eigenartige Vertrautheit, die man spürt, wenn man eine Sprache hört, die man nicht versteht, aber irgendwie trotzdem als Sprache erkennt.
Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis davon, wie Sprache entsteht. Wer ein solches System baut, baut es zwangsläufig aus dem, was er kennt. Aus den Klangmustern seiner eigenen Sprache. Aus den Silbenstrukturen, die sich vertraut anfühlen. Der Erschaffer konnte gar nicht anders, als etwas zu schaffen, das wie Sprache klingt — weil sein Gehirn in Sprache denkt.
Wir haben das als Kinder intuitiv gemacht. Unsere Geheimsprachen klangen wie Sprache, weil wir Sprache als Basis genommen und transformiert haben. Irgendwann haben wir nicht mehr übersetzt — wir haben einfach direkt in der Geheimsprache gedacht.
Kein klassischer Code — eher ein persönliches Transformationssystem
Ich glaube nicht mehr, dass man beim Voynich-Manuskript unbedingt an einen Code denken sollte, bei dem man nur die richtige Tabelle finden müsste.
Mich überzeugt inzwischen viel mehr die Vorstellung eines Systems, das regelbasiert, aber nicht rein mechanisch ist.
Nicht: ein Buchstabe steht für einen anderen Buchstaben.
Sondern: ein Mensch entwickelt ein eigenes Transformationssystem.
Vielleicht nimmt er einen echten Satz und entnimmt jeweils nur den ersten und letzten Buchstaben jedes Wortes. Vielleicht kombiniert er mehrere Regeln. Vielleicht passt er Dinge intuitiv an, wenn sie sich nicht stimmig anfühlen.
Das wäre kein klassischer Code. Das wäre etwas persönlicheres — ein System, das für den Erschaffer funktioniert und rekonstruierbar bleibt, für Außenstehende aber ohne den inneren Schlüssel fast unzugänglich ist.
Und da liegt der entscheidende Punkt:
Ein sehr intelligenter Mensch, der mathematisch-logisch denken kann, würde nicht unbedingt einen möglichst komplexen Code bauen wollen. Er würde wahrscheinlich ein System bauen wollen, das für ihn selbst handhabbar bleibt. Einfache Regeln, konsequent angewendet — das ergibt nach außen hin etwas, das extrem schwer zu rekonstruieren ist, obwohl es von innen klar und konsistent ist.
Der Moment, in dem alles klar wie Kloßbrühe wurde: die fehlenden Seiten
Das Buch ist gebunden. Es ist offenbar als Werk angelegt. Gleichzeitig fehlen Seiten. Reihen wirken unterbrochen. Dinge fühlen sich an, als wäre da einmal mehr gewesen. Und da musste ich plötzlich an etwas ganz Konkretes denken.
Wenn ich an einem komplexen Gedankengebäude arbeite — an einer Geschichte, an einem System, an etwas, das eine innere Logik haben soll — dann passiert irgendwann folgendes:
Ich entdecke ein Plot Hole.
Einen Bruch. Eine Inkonsistenz. Etwas, das im eigenen System plötzlich keinen Sinn mehr ergibt.
Was macht man dann? Man lässt es nicht einfach stehen. Man reißt Teile raus. Man ändert. Man streicht. Man schreibt Dinge neu, damit das Gesamtsystem wieder stimmig wird. Und das ist für mich der Moment, in dem das Voynich-Manuskript plötzlich sehr viel mehr Sinn ergeben hat.
Was, wenn Seiten nicht einfach verloren gegangen sind?
Was, wenn Teile bewusst entfernt wurden — weil sie innerhalb des Systems nicht mehr gepasst haben?
Das würde erklären, warum manches fast logisch wirkt, aber nicht ganz. Warum Reihen unvollständig erscheinen. Warum Übergänge fehlen. Warum man das Gefühl hat, dass etwas zusammengehört, ohne es noch sauber rekonstruieren zu können.
Vielleicht sehen wir kein unentschlüsseltes Buch. Vielleicht sehen wir ein teilweise bereinigtes, aber nicht fertig neu integriertes System.
Kein Rohtext. Kein Endfassung. Etwas dazwischen.
Das Manuskript ist nicht zufällig. Nicht wild. Nicht beliebig. Es gibt Muster, Wiederholungen, eine einheitliche Handschrift, eine erstaunliche Konsequenz im Aufbau.
Das spricht klar gegen pures Chaos.
Aber es spricht genauso gegen die Vorstellung eines vollständig abgeschlossenen, fertigen Werkes. Dafür wirkt es an zu vielen Stellen zu offen. Zu lückenhaft. Zu sehr wie etwas, das zwar geordnet wurde, aber nicht endgültig fertiggestellt ist.
Mein Gefühl: wir sehen einen Zwischenzustand. Eine Version, die bereits bereinigt wurde — in der Unstimmiges schon entfernt wurde — aber eben noch keine Endfassung, in der alles wieder vollständig neu zusammengesetzt wurde. Nicht Rohfassung. Nicht Endfassung. Etwas dazwischen.
Und vielleicht hat der Erschaffer diesen Zustand bewusst so gelassen — weil ein kluger Mensch, der an einem offenen System arbeitet, nie weiß, wann ihm etwas Neues einfällt, das noch dazugebaut werden müsste. Also lässt er Lücken. Absichtlich. Als Einladung an sich selbst, irgendwann weiterzumachen.
Für wen wurde es gemacht?
Und dann kam die Frage, die für mich alles noch einmal verschoben hat.
Was, wenn das Buch gar nicht dafür gedacht war, von anderen verstanden zu werden? Vielleicht aus der Notwendigkeit des Schutzes?
Schutz vor Missverständnis. Schutz vor Fehlinterpretation. Schutz davor, dass jemand etwas in die Hand bekommt, das ohne den inneren Zusammenhang falsch gelesen — oder falsch angewendet — wird.
Je komplexer ein System ist, desto größer ist die Gefahr, dass Menschen von außen Dinge hineinlesen, die nie so gemeint waren. Wer ein tiefes, eigenes, vielleicht experimentelles Denksystem aufgebaut hat, hätte guten Grund, es so zu notieren, dass es für einen selbst rekonstruierbar bleibt — für andere aber eben nicht.
Das ist kein absurder Gedanke. Das ist sehr menschlich.
Was das über den Menschen dahinter sagt
Wenn das alles stimmt — oder auch nur annähernd stimmt — dann stellen wir vielleicht die falsche Frage, wenn wir nach dem Inhalt suchen.
Die interessantere Frage wäre: Wer war dieser Mensch?
Nicht zwingend ein klassischer Gelehrter. Nicht zwingend ein Scharlatan. Nicht zwingend jemand, der „verrückt“ war.
Vielleicht jemand mit einer außergewöhnlich starken Kombination aus Intelligenz, Systemdenken, Kreativität, einer lebendigen inneren Bildwelt und dem tiefen Bedürfnis, eine eigene Logik festzuhalten. Jemand, der nicht einfach Informationen sammeln wollte, sondern der versucht hat, eine eigene Welt zu bauen. Ein eigenes Modell. Ein eigenes Wissenssystem.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir bis heute daran scheitern:
Weil wir es lesen wollen wie ein Buch. Obwohl es vielleicht eher funktioniert hat wie ein geistiger Raum.
Vorläufiges Fazit
Ich glaube nicht mehr, dass das Voynich-Manuskript einfach ein Geheimtext ist. Ich halte es für möglich, dass es ein persönliches, hochkomplexes, regelbasiertes und teilweise überarbeitetes Denksystem ist. Ein System, das vielleicht nie vollständig fertig wurde. Ein System, aus dem möglicherweise Teile entfernt wurden, weil sie nicht mehr stimmig waren. Ein System, das bewusst so notiert wurde, dass es vor Fehlinterpretation geschützt blieb.
Und vielleicht ist das die eigentliche Tragik — oder Schönheit — dieses Buches:
Dass wir heute vor etwas stehen, das nicht deshalb schweigt, weil es keine Bedeutung hat, sondern weil seine Bedeutung nie in unsere Hände gelegt wurde.
Was denkst du zum Voynich-Manuskript? Schreib es mir gern in die Kommentare – und gib mir gern auch deine Meinung zu diesem – doch recht untypischen – Blogartikel hier auf meinem Blog…
Deine Marina