Selbst und ständig in der Pferdeszene: Warum Selbstausbeutung kein Geschäftsmodell ist

Veröffentlicht am Kategorisiert als Kalkulation für Reitpädagogen, Reitlehrer und Reittherapeuten, Reitpädagogik, Selbständig mit Pferden, Selbständigkeit, Trainer Keine Kommentare zu Selbst und ständig in der Pferdeszene: Warum Selbstausbeutung kein Geschäftsmodell ist
Pferde auf einer nebligen Weide unter dunklem Himmel mit der Aufschrift „MUSS DAS SO?“ – Sinnbild für Selbstausbeutung in der Pferdebranche. (KI-generiert)

Sieben Tage die Woche arbeiten. Morgens Pferde versorgen, nachmittags unterrichten, abends ausmisten. Kein Urlaub, keine Krankheit, kaum Freizeit. In der Pferdeszene wird das häufig als ganz normale Selbstständigkeit betrachtet. Aber ist es das wirklich?

„So ist das eben, wenn man Pferde hat.“

In den vergangenen Tagen habe ich mehrere Diskussionen in Facebook-Gruppen für Reitpädagogik, Reittherapie und Reitunterricht verfolgt.

Eine Kollegin wollte wissen, wie andere Selbstständige ihren Alltag organisieren. Wie sie Pferdeversorgung, Unterricht, Stallarbeit, Familie, Haushalt und ihre eigenen Bedürfnisse unter einen Hut bekommen. Und ob sie von ihrer Arbeit tatsächlich leben können.

Die Antworten haben mich teilweise fassungslos gemacht.

Da berichtet eine Unternehmerin, dass sie sieben Tage die Woche arbeitet, teilweise 14 bis 16 Stunden täglich.

Andere beschreiben einen Alltag zwischen Stallarbeit, Unterricht, zusätzlicher Berufstätigkeit und Familie.

Eine Kollegin erzählt von Bandscheibenvorfällen und davon, dass am Ende des Tages kaum etwas übrig bleibt.

Und immer wieder begegnet mir dieselbe Haltung:

„Irgendwie geht es immer.“

„Man muss halt durch.“

„So ist das eben mit Pferden.“

Nein. So muss das nicht sein.

Und vor allem sollten wir aufhören, solche Arbeitsbedingungen als selbstverständlich hinzunehmen.

Wie ernst die Situation für viele Selbstständige inzwischen ist, zeigt auch ein aktueller Facebook-Beitrag von „Frau Vogel – eine Chance für Waisenfohlen“. Darin berichtet die Unternehmerin, dass sie eine notwendige Operation aufschiebt, weil sie sich den damit verbundenen Arbeitsausfall finanziell nicht leisten kann.

Die zahlreichen Reaktionen zeigen, wie viele Menschen ähnliche Sorgen kennen. Mich erschüttert besonders, wie selbstverständlich teilweise davon berichtet wird, trotz schwerer gesundheitlicher Belastungen weiterzuarbeiten.

Seit wann ist Selbstausbeutung ein Qualitätsmerkmal?

In der Pferdeszene gibt es eine bemerkenswerte Kultur des Durchhaltens.

Wer morgens um fünf im Stall steht, abends um zehn noch arbeitet und seit Jahren keinen richtigen Urlaub gemacht hat, erntet häufig Anerkennung.

Wer trotz Schmerzen weiterarbeitet, gilt als besonders belastbar.

Und wer darauf hinweist, dass ein solches Arbeitsmodell möglicherweise wirtschaftlich nicht funktioniert, bekommt schnell zu hören, dass man eben keine Ahnung vom Leben mit Pferden habe.

Dabei sollten wir uns eine ganz andere Frage stellen:

Ist es wirklich ein Zeichen unternehmerischen Erfolgs, wenn ein Betrieb nur funktioniert, weil seine Inhaberin permanent über ihre eigenen Grenzen geht?

Ich finde: Nein.

Leidenschaft für Pferde ist etwas Wunderbares. Verantwortungsbewusstsein ebenfalls.

Aber Leidenschaft ersetzt keine Kalkulation. Und Verantwortungsbewusstsein bedeutet auch, für die eigene wirtschaftliche Existenz und Gesundheit zu sorgen.

Würdest du so ein Restaurant führen?

Stell dir vor, du gehst in ein Restaurant.

Dort arbeitet eine einzige Person.

Sie nimmt deine Bestellung auf, verschwindet in der Küche, bereitet dein Essen zu, serviert es, räumt anschließend den Tisch ab, spült das Geschirr und kassiert.

Danach putzt sie die Küche, bestellt Lebensmittel und erledigt ihre Buchhaltung. Ach so. Und während sie in der Küche steht und kocht, kommen weitere Gäste…. die warten… und warten… bist die Person in der Küche fertig ist und dir das Essen serviert. Dann nimmt sie die nächste Bestellung auf.

Sieben Tage die Woche.

Würdest du sagen: „Wow, was für ein erfolgreicher Restaurantbesitzer!“?

Oder würdest du dich fragen, warum dieser Mensch alles allein machen muss?

Jetzt schauen wir uns einen typischen kleinen Reitbetrieb an.

Morgens Pferde füttern, Heu verteilen, Wasser kontrollieren, ausmisten, Weiden abäppeln.

Nachmittags Reitunterricht, Reittherapie oder Reitpädagogik.

Zwischendurch Elternnachrichten beantworten, Termine koordinieren, Rechnungen schreiben.

Abends erneut Pferde versorgen, Material aufräumen und die nächsten Stunden vorbereiten.

Am Wochenende Zäune reparieren, Futter organisieren und liegen gebliebene Büroarbeit erledigen.

Warum finden wir dieses Modell in der Pferdeszene so normal?

Viele Unterrichtsstunden bedeuten noch lange keinen Gewinn

Eine volle Reitschule kann wirtschaftlich schlecht aufgestellt sein.

Eine Reitpädagogin kann jeden Nachmittag ausgebucht sein und trotzdem kaum etwas verdienen.

Und ein Reittherapeut kann einen fachlich hervorragenden Unterricht anbieten, während sein Betrieb Monat für Monat zu wenig erwirtschaftet.

Denn entscheidend ist nicht, wie viele Stunden wir arbeiten.

Entscheidend ist, was unser Betrieb erwirtschaftet und welcher Aufwand dafür notwendig ist.

Pferde kosten Geld, auch wenn gerade kein Unterricht stattfindet.

Futter, Hufschmied, Tierarzt, Versicherungen, Ausrüstung, Stallunterhaltung, Reparaturen und Flächen müssen finanziert werden.

Hinzu kommen Verwaltung, Vorbereitungszeit, Fortbildungen und die eigene soziale Absicherung.

Und natürlich braucht auch die Unternehmerin selbst ein Einkommen.

Wer bei seiner Kalkulation nur die Kosten der Pferde berücksichtigt, vergisst einen entscheidenden Bestandteil des Betriebs: den Menschen, der ihn führt.

„Aber die Eltern bezahlen solche Preise nicht!“

Dieses Argument kenne ich seit vielen Jahren.

Und natürlich kann nicht jede Familie beliebig viel Geld für Reitunterricht oder pferdegestützte Angebote ausgeben.

Aber was folgt daraus?

Dass die Reitpädagogin auf ein angemessenes Einkommen verzichten muss?

Dass sie ihre Altersvorsorge vernachlässigt?

Dass sie auf Urlaub und Krankheitstage verzichtet?

Dass sie immer mehr Kinder unterrichten muss, um irgendwie über die Runden zu kommen?

Stell dir einen Installateur vor, dessen Material für einen Auftrag 300 Euro kostet.

Würdest du ihm empfehlen, dauerhaft nur 250 Euro dafür zu berechnen, weil seine Kunden nicht mehr bezahlen möchten?

Vermutlich würdest du mit ihm überlegen, wie er sein Angebot und seine betrieblichen Abläufe wirtschaftlich gestalten kann.

Genau diese Überlegungen brauchen wir auch in der Pferdeszene.

Denn es gibt verschiedene Stellschrauben: Angebotsgestaltung, Gruppengrößen, Auslastung, Kostenstruktur, Organisation und Preisgestaltung.

Welche davon sinnvoll sind, hängt vom jeweiligen Betrieb ab.

Und selbstverständlich dürfen wirtschaftliche Optimierungen niemals zulasten des Pferdewohls oder der pädagogischen Qualität gehen.

Aber die Antwort auf ein wirtschaftliches Problem kann doch nicht dauerhaft lauten: „Dann arbeite ich eben noch mehr.“

Was passiert, wenn die Reitpädagogin krank wird?

Diese Frage wird in vielen kleinen Pferdebetrieben viel zu selten gestellt.

Was passiert, wenn du vier Wochen ausfällst?

Wer füttert die Pferde?

Wer übernimmt die Stallarbeit?

Wer betreut die Kinder?

Wer beantwortet Elternanfragen?

Und vor allem: Wovon bezahlst du in dieser Zeit deine laufenden Kosten?

Pferde brauchen ihre Versorgung jeden Tag. Das ist unbestritten.

Aber daraus folgt nicht, dass ausgerechnet die Betriebsinhaberin jeden einzelnen Handgriff persönlich erledigen muss.

Vertretungsregelungen, Kooperationen, geeignete Versicherungen, finanzielle Rücklagen und eine vorausschauende Betriebsorganisation sind wichtige Bestandteile einer professionellen Selbstständigkeit.

Natürlich kosten solche Lösungen Geld.

Und natürlich lassen sie sich bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht immer sofort umsetzen.

Aber genau deshalb müssen wir über die Wirtschaftlichkeit unserer Betriebe sprechen, bevor ein gesundheitlicher oder finanzieller Notfall eintritt.

Ein Betrieb, in dem die Inhaberin nicht krank werden darf, ist wirtschaftlich hochgradig verletzlich.

Warum ich darüber so deutlich spreche

Ich bin seit 2008 mit Naturalkids® selbstständig.

Ich habe selbst über viele Jahre einen Betrieb mit Pferden, Reitpädagogik, zahlreichen Kindern und Mitarbeitern aufgebaut und geführt.

Ich weiß, was es bedeutet, Verantwortung für Tiere, Kunden, Mitarbeiter und laufende Kosten zu übernehmen.

Ich kenne auch wirtschaftliche Schwierigkeiten, Fehlentscheidungen und die Herausforderung, notwendige Veränderungen tatsächlich umzusetzen.

Deshalb behaupte ich keineswegs, dass sich jedes Problem mit einer einfachen Kalkulation lösen lässt.

Aber ich weiß, wie wichtig es ist, die richtigen Fragen zu stellen.

Und manchmal sind das unbequeme Fragen.

Wenn eine Kollegin berichtet, dass sie sieben Tage pro Woche arbeitet, möchte ich wissen, ob sie davon angemessen leben kann.

Wenn jemand erklärt, dass die Eltern keine höheren Preise bezahlen würden, interessiert mich, welche anderen Möglichkeiten bereits geprüft wurden.

Und wenn eine Reitpädagogin seit Jahren im Hamsterrad feststeckt, möchte ich mit ihr darüber sprechen, wie sie ihren Betrieb verändern könnte.

Das sind für mich Fragen professioneller Unternehmensführung.

Warum wird ausgerechnet das Hinterfragen zum Problem?

Was mich an den aktuellen Diskussionen besonders beschäftigt, ist die Reaktion auf solche Fragen.

Da berichten Menschen von extremen Arbeitszeiten, körperlicher Überlastung und finanzieller Unsicherheit.

Aber sobald jemand die Wirtschaftlichkeit dieser Arbeitsmodelle hinterfragt, wird die Diskussion plötzlich persönlich.

Dabei sollte es doch selbstverständlich sein, dass wir in einer professionellen Branche auch kritisch über unsere Geschäftsmodelle sprechen können.

Wir diskutieren über Pferdegesundheit, Haltungsbedingungen, Ausbildungsmethoden und pädagogische Qualität.

Warum sollten wir ausgerechnet bei der wirtschaftlichen Tragfähigkeit unserer Betriebe aufhören, kritisch nachzufragen?

Professionelle Reitpädagogik braucht auch professionelles Unternehmertum.

Denn nur wirtschaftlich tragfähige Betriebe können langfristig gute Arbeitsbedingungen schaffen, Pferde zuverlässig versorgen und qualitativ hochwertige Angebote bereitstellen.

Ich wünsche mir eine andere Pferdeszene

Eine Pferdeszene, in der Selbstständige stolz darauf sein können, von ihrer Arbeit gut zu leben.

In der eine Reitpädagogin Urlaub machen kann, ohne Existenzängste zu bekommen.

In der eine Reittherapeutin krank sein darf, ohne ihren gesamten Betrieb zu gefährden.

In der Pferde artgerecht gehalten werden, Kinder eine hochwertige pädagogische Begleitung erhalten und die Menschen, die diese Arbeit leisten, ebenfalls gut versorgt sind.

Und in der wir einander dabei helfen, bessere Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Ich wünsche mir, dass wir aufhören, 70-Stunden-Wochen als Ausdruck besonderer Pferdeliebe zu bewundern.

Dass wir genauer hinschauen, wenn jemand sagt: „Ich mache das schon seit 20 Jahren so.“

Und dass wir den Mut haben zu fragen:

„Aber möchtest du wirklich die nächsten 20 Jahre genauso weitermachen?“

Denn die Tatsache, dass etwas seit Jahren funktioniert, sagt noch nichts darüber aus, ob es wirtschaftlich sinnvoll, gesundheitlich vertretbar oder langfristig erstrebenswert ist.

Unsere Pferde verdienen gute Bedingungen. Unsere Kunden verdienen professionelle Angebote. Und die Menschen, die all das möglich machen, verdienen ein gutes Leben.

Dafür lohnt es sich, auch unbequeme Fragen zu stellen.
Marina

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